HÄNGÄRTNER ÜBERRASCHT

Flugzeugprofi Yves Hängärtner gewinnt auf dem Flugplatz in Interlaken den Slalom. Es ist der erste Tagessieg für den Seeländer Anwalt aus Sutz BE.

Auf dem Weg zum Tagessieg: Yves Hängärtner liess der Konkurrenz in Interlaken BE keine Chance. © MS

Der 41-jährige Yves Hängärtner sorgt zum Auftakt der Slalom-Schweizer Meisterschaft auf dem Flugplatz in Interlaken BE für eine saftige Surprise. Der «Tourenwägeler», der zuletzt immer wieder sporadisch in einem Ford Escort Cosworth am Berg und auf der Slalompiste fuhr, hat sich entschieden, heuer in einem Formel-Boliden zu «racen». Dies nachdem er letzten Saison schon zwei Slaloms mit einem Formel Renault bestritt. Jetzt ist es ein Tatuus-Honda aus der ehemaligen Formel Masters. «Es hat mich einfach gereizt, es einmal zu versuchen», sagt der Seeländer aus Sutz-Lattrigen. Einen besonderen Auslöser hätte es nicht gegeben. Vielleicht, irgendwo tief im Unterbewusstsein, den, dass er seiner Frau versprochen hatte, mit einem offenen Auto nie am Berg zu fahren. «Und daran werde ich mich auch halten.» Seit der Geburt seines Sohnes vor dreieinhalb Jahren «bin ich auf der Rennstrecke zurückhaltender geworden». Vor allem
Bergrennen betrachtet er seither durch eine besonnenere «Brille». So gnadenlos den «Hoger» raufballern, wie das einige seiner Konkurrenten tun, kommt für ihn nicht mehr wirklich infrage. Auf den Berner trifft die Rennfahrerweisheit – «pro Kind eine Sekunde langsamer» – in dem Sinn ziemlich zu. «Das würde ich unterschreiben.» Na, dann hat die Konkurrenz in Interlaken ja mächtig Glück gehabt, ist Hängärtner schon Vater. Ansonsten hätte die Slalom-Elite in Sichtweite der Berner Alpen eventuell noch krasser in die Röhre geguckt.

Von Jenzer präpariert

«Er hat mich schon verblüfft», gibt der zweitplatzierte Philip Egli zu Protokoll und zieht den Hut vor dem Auftritt des Siegers. «Vor allem auch deshalb, weil er in den Rennläufen vis-à-vis der Trainings nicht langsamer geworden ist.» Dies ganz im Gegensatz zu fast allen anderen Piloten – inklusive Vorjahressieger Egli. «Aber schneller war ich auch nicht», so Hängärtner. Brauchte er auch nicht. Mit seinen 2:13er-Zeiten stellte er die Konkurrenz in den Senkel. Im Training war Egli mit ebenfalls einer 2:13er-Zeit sehr nah dran.

Hängärtner hat an seinem Auto nahezu nichts in Eigenregie modifiziert. Jenzer Motorsport Lyss verpasste seinem Boliden ein quasi allgemein gültiges Set-up. «Warum sollte ich also noch daran schrauben?» Obwohl er das durchaus könnte. An seinem Escort habe er «Tausende von Stunden rumgemecht», sagt er. Auch immer wieder zwischen den Rennläufen. «Darum war das ganz neu für mich, mich in Interlaken nur aufs Fahren und die Strecke konzentrieren zu können», so der Sieger. Das macht richtig Spass. «Ich habe doch vorher noch nie eine Strecke besichtigt. Diesmal bin ich am Vortag angereist und habe mir in Ruhe die Strecke angesehen.»

Hänggärtner in seinem Rennwagen.

Tests deuteten es an

Die Besichtigung per Velo hat sich offenbar gelohnt. Es war dies der wohl wichtigste und wertvollste Erfolg für den Sohn des früheren Formel-2-Fahres André Hängärtner. Dass er schnell sein könne, sagt Yves, habe er spätestens nach den Tests unter anderem in AmbrÌ TI mit der Equipe Bernoise erahnt. Dass es gleich so was von vorwärts gehe, war dann doch nicht wirklich vorherzusehen. Aber es macht gute Laune und darf gern so weitergehen. «Jetzt werde ich wohl doch die ganze Slalomsaison fahren», meint Hängärtner. Nach der gelungenen Ouvertüre wäre das durchaus eine Option. Aus dem Bergmeistertitel, den er als Jüngling mal ins Auge gefasst hatte und erobern wollte, wirds ja nun nichts mehr. Aus einem Slalomtitel möglicherweise schon … «Es ist eine ganz andere Religion, diese Formel-Welt gegenüber jener bei den Tourenwagen.» Die Beschleunigung, der Speed in der Kurve, die Dynamik oder das Ansprechverhalten … das alles sei einfach nur faszinierend. Er habe früher oft nur ein müdes Lächeln übrig gehabt für all die, die ihm jeweils gesagt hätten, was er mit so einem Tourenwagen, an dem man ständig  nur rumschrauben müsse, wolle? Die offenen Rennautos seien die wahren Rennautos. «Tja, jetzt weiss ich, was sie damit meinten.» Wer einmal in so einem Auto so gefahren ist, den lässt es nicht mehr los. 

In der Luftfahrt tätig

Auch wenn er an seinem «Ofen» jetzt nicht mehr so viel selbst schrauben muss, technisches Verständnis bringt Yves Hängärtner, wie erwähnt, allemal reichlich mit. Hineingeboren in eine Garagistenfamilie, wuchs er mit Schrauben- und Drehmomentschlüsseln auf. Mit besagtem Escort Cosworth hat er ausserden quasi ein Diplomstudium in Ford-Mechanik absolviert.  «In 13 Rennen hatte ich sechs Getriebeschäden», erzählt Hängärtner. Damit ist er wohl der Anwalt, der in Europa am meisten von Escort-Getrieben versteht. Was seinen beruflichen Werdegang betrifft, hat er sich, wie gesagt, entschieden, Jurist zu werden.» So ist er heute im Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) in der Abteilung Sicherheit Flugtechnik, sprich der Sektion Standardisierung, Sanktionswesen und Register tätig. Ein technisch anspruchsvoller Job also. Fliegen selbst tut der Hobby-Rennfahrer indes nicht. «Nein, für alles bleibt keine Zeit. Aber ich wäre gern Flieger geworden – Air Race hätte mich sehr interessiert.» Die Rennen der besten Kunstflugpiloten der Welt also, die da waghalsig eine Art Slalom in der Luft zelebrieren. Mit Job, Familie und Rennsport ist der Alltag von Yves Hängärtner gut ausgefüllt. Hin und wieder wird ihn die Familie heuer  – neues Wohnmobil sei Dank – zu den Rennen begleiten. Beim Rennen in Interlaken freilich war die Familie beim Kindergeburtstag, während der Papa seinen Fuss volles Rohr aufs Gaspedal presste. Ab und zu bleibt dem Anwalt immer noch Zeit fürs Mountainbiken. Ehe er zum Motorsport fand, war er im zweirädrigen «Pedalo»-Metier nämlich fast ebenso stark, sprich auf dem Sprung in die Nationalmannschaft. Doch dann brach er sich mit 18 Jahren die Schulter, kam danach in die RS und begann dann, Auto zu fahren. Rennsportmässig ging es unter anderem im Mégane-Cup los.

Philip Egli musste dem Berner Hänggärtner den Vortritt lassen. © MS

Egli und Maurer auf zwei und drei

Hinter Hängärtner mussten sich, wie gesagt, Philip Egli und Marcel Maurer mit den Ehrenplätzen begnügen. «Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis», sagt Egli. Selbst wenn er ob dem Rückstand auf Hängärtner schon etwas baff war. Während er 2.3 Sekunden einbüsste, verlor Maurer deren 3.57 Sekunden. Die Ränge zwei, drei und vier (Christian Balmer) trennten finalement nur 1.23 Sekunden. «Aber es kommen ja noch neun Rennen», so Egli. Schon in Frauenfeld TG am übernächsten Wochenende wird es weniger leistungsliebende Geraden und mehr Bögen geben. Das kommt Eglis wendigem Dallara-F3-Opel entgegen. Ganz abgesehen davon, dass Konkurrenz die Sache ja ungemein belebt. Das weiss man spätestens seit den Mercedes-Solos in der Formel 1. Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein. Mit Hängärtner hat sich auf jeden Fall ein ernsthafter Anwärter auf die Slalomkrone angemeldet.

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