HÖR MAL WER DA HÄMMERT

Auch zur eigenen Überraschung gewinnt Lewis Hamilton vor Sebastian Vettel in Barcelona (E) den Formel-1-Grand Prix.

Es war für Lewis Hamilton hörbar ein Kraftakt. Selten hat man den 32-jährigen Briten über Bordfunk derart schnaufen hören, wie beim GP von Spanien. Seine 64. Poleposition hatte der Mercedes-Pilot schon kurz nach dem Start an den Titelkonkurrenten Sebastian Vettel aus dem Ferrari-Lager verloren. «Es ist schwierig, Vettel zu folgen», ächzte Hamilton ein paar Runden später und mit rund zweieinhalb Sekunden Rückstand auf den Leader über den Boxenfunk. Nach dem ersten Renndrittel durfte Hamilton endlich  an die Box – sieben Runden nach Vettel, dessen Ferrari weiter mit Soft-Reifen unterwegs war. Hamiltons Mercedes bekam aber anstelle der weichen Gummis eine Mediummischung verpasst – was dem Briten hörbar nicht passte. «Nein Jungs, nicht mit diesen Reifen», stöhnte er nach Rennhälfte ins Helm-Mikro, als er Vettel mit rund fünf Sekunden Rückstand hinterherhechelte. Dabei standen vor dem Rennsonntag doch alle Zeichen auf Sturm, auf «Hammer time», auf einen Angriff des WM-Zweiten Hamilton. Er hatte die beiden ersten freien Trainings gewonnen, und er hatte sich tags darauf seine 64. Poleposition gesichert. «Das Auto macht genau das, was ich erwarte», hatte Hamilton frohlockt. In Barcelona – wegen der zahlreichen Wintertests auch die Haus- und Hofstrecke der Formel 1 – hatte Mercedes die Konkurrenz mit einem Mega-Update des Silberpfeils geschockt – herausragend vor allem die neue Frontpartie und der überarbeitete Motor. Die Formel-1-Spitze bleibe trotz den umfassenden Neuerungen im ganzen Starterfeld zum Europaauftakt auf Augenhöhe, meinte Niki Lauda, dreifacher Weltmeister und Aufsichtsratsvorsitzender von Mercedes AMG: «Lewis fährt hier wieder normal, weil das Auto Grip hat. Der Asphalt passt wieder zu den Reifen, die Reifen passen zum Auto.» Nach dem vorletzten WM-Lauf im russischen Sotschi, wo Hamilton erstmals seit Juni 2016 in Baku einen GP nicht auf dem Podest beendet hatte (Rang 5), war der dreimalige Weltmeister ratlos: «Ich kann das nicht erklären. Valtteri (Bottas, Teamkollege, Anmerk. der Red.) siegt, aber ich bin nirgends, obwohl wir eine ähnliche Wagenabstimmung haben.»

Beim GP in Barcelona kämpfte Hamilton lange verbissen und liess auch Zweifel an seinem Team aufkommen. Doch die Reifentaktik von Mercedes ging auf. Zur Rennhälfte wurde Hamilton an die Box geordert und mit Soft-Gummis wieder auf die Strecke geschickt. Zum richtigen Zeitpunkt, wie Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff später festhielt, weil die Konkurrenz draussen auf der Strecke wegen einer Virtual-Safety-Car-Phase (nach einem Crash von Stoffel Vandoorne/McLaren und Felipe Massa/Williams) wertvolle Zeit verlor: «Wir gingen ein Risiko ein, weil wir Lewis das halbe Rennen auf weichen Reifen fahren liessen.» Wolff war nicht der Einzige, der ob dieser Zerreissprobe der Reifen an Hamiltons Mercedes staunte. «Vettel war unglaublich nahe dran. Es war ein Sieg der Strategie», gab Hamilton zu.

Vettel und Ferrari – ab Runde 44 von 66 auf Rang 2 – hofften deshalb auf Plan C: «Wir hatten über Funk eine grosse Diskussion. Wir hofften, dass Lewis mit seinen Reifen irgendwann stagnieren würde. Aber am Ende hatte er eben doch keine Probleme.» Im Unterschied zu Hamilton musste der WM-Leader aber schon den Vorschlaghammer rausholen. Dreimal schlug er brachial zu. Beim Start, als er Hamilton die Pole abnahm (Hamilton: «Ich weiss nicht genau, was passiert ist … durchdrehende Räder wohl …»), in der 25. Runde, als er sich in Kurve 1 an «Bremsklotz» Bottas (noch mit altem Motor, später mit Motorschaden ausgeschieden) vorbei die Führung zurückholte, und in Runde 37, als er nach dem zweiten Stopp ausgangs der Boxenstrasse in einem schweisstreibenden Duell gegen Hamilton die Nase vorne behielt. Hamilton später: «Das war verdammt eng. Ich musste dir Platz lassen, sonst hätte es gekracht.» Vettel: «Ich dachte, ich hätte dir Platz gelassen.» Hamilton: «Nicht wirklich, du hast mir nicht sehr viel Platz gelassen!» Vettel: «Aber wir sind hier, also …»

«Es war cool!» Hamilton hatte nach dem Kraftakt von Barcelona sichtlich Freude. Der Rückstand auf WM-Leader Vettel beträgt nur noch sechs Punkte. Aber auch der im Thurgauischen lebende Wahlschweizer hadert nach dem ereignisreichen Europaauftakt und Platz zwei nicht: «Der Sieg wäre möglich gewesen, denn das Auto ist schnell genug, aber das Renngeschehen hat uns dazwischengefunkt.»


Clever taktiert und profitiert

Damit hatte kaum jemand gerechnet: Pascal Wehrlein (Bild) holte in Barcelona (E) Rang 7, wurde wegen einer 5-Sekunden-Strafe (Regelwidrigkeit bei Boxenstopp) noch um einen Platz nach hinten gereicht, was dem Schweizer Sauber-Team aber in Anwesenheit von Teamgründer Peter Sauber zu vier Punkten reichte – den ersten in der laufenden Formel-1-WM. «So unerwartet und überraschend in die Punkteränge zu fahren, tut gut», meinte der 22-jährige Deutsche, der von Position 15 ins Rennen gestartet war. Genauso wie Hamilton auf Mercedes, taugte Wehrlein auf Sauber die gewagte Strategie zum Exploit. Genau zur Rennhälfte des über 66 Runden dauernden Grand Prix wechselte Wehrlein von Soft- auf Mediumreifen. «Eine perfekte Strategie», hielt auch Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn fest. Nach dem vergangenen «Seuchenjahr» (nur ein zählbares Resultat, mit Rang 9 von Felipe Nasr beim vorletzten WM-Lauf in Brasilien) eine grosse Erleichterung für die Schweizer Truppe, welche in der Konstrukteurswertung hinter Haas (9 Punkte) und vor McLaren (0) auf Platz 9 liegt. Es war aber nicht nur das Verdienst der Taktik: Sauber war trotz Neuerungen am C36 (Heckflügel, Bremsbelüftung, Flaps an den Frontflügeln) auch bereit zuzuschlagen. Man profitierte in Barcelona auch davon, dass mit Mercedes (Valtteri Bottas), Ferrari (Kimi Räikkönen) und Red Bull (Max Verstappen) gleich alle Top-Teams ein Auto liegenlassen mussten.

Rundenlang mühte sich Carlos Sainz im Toro Rosso hinter Wehrlein im Kampf um Platz 7 ab – auch eine indirekte Auszeichnung an Sauber. Immerhin belegt die Junior-Truppe von Red Bull im WM-Gesamtklassement Rang 5 (21 Punkte). «Ich war immer schneller als das Auto vor mir, ich schaute nie in den Rückspiegel», sagte der Spanier zur Leistung seines Boliden, aber am Deutschen kam er trotzdem nur wegen der Zeitstrafe vorbei. Rund elf Sekunden fehlten dem zweiten Sauber-Piloten Marcus Ericsson (11.) zu Platz 10 und einem weiteren Punkt.

Werner J. Haller

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