DIE MEISTER-FABRIK

Vom Kart-Amateur ist es nur ein, wenn auch gros­ser, Schritt in den richtigen Rennwagen. Die Finalisten der Young Driver Challenge sind dabei, ihn zu schaffen.

Drei junge Piloten, drei Charaktere, das gleiche Ziel: Gustavo Xavier, Oliver Holdener und Orhan Vouil­loz haben sich nach einer Serie aufschlussreicher Tests den Einsatz am Steuer eines Seat Leon in der TCR Germany, einer populären Tourenwagen-Serie (s. auch S. 22),  verdient. Die von ­Autoscout 24 in Zusammenarbeit mit Seat zusammengestellte Young Driver Challenge ist das erste, breit abgestützte Sprungbrett-Programm in den Rennsport. Mehr als 1000 junge Schweizer von 16 bis 21 Jahren aus allen Landesteilen haben daran teilgenommen. Via lokale Kartrennen galt es, sich über eine  nationale Kartausscheidung für den Final im richtigen Rennauto zu qualifizieren. Die drei Besten schliesslich dürfen sich nun im Rahmen der TCR Germany ein Rennen aussuchen, an dem sie in einem TCR-Seat Leon ihr erstes Tourenwagenrennen bestreiten dürfen. Eine riesige Chance, um in die Fussstapfen von DTM-Star Nico Müller und Ausbildner Fredy Barth zu treten. Von Letzterem wurden die Jungs gecoacht.


Gustavo Xavier

www.lieberherr.photography

Alter: 20

Wohnort: Oetwil am See ZH

Beruf: Verkauf bei Pricewaterhouse Coopers (kaufmännische Ausbildung)

Der Zürcher aus dem Bezirk Meilen mit brasilianischer Abstammung war von klein auf von der Autokultur umgeben. «Mein Vater hatte schon immer die einschlägigen Zeitschriften gelesen und ich ging als Bub mit meiner Familie an alle Salons. Aber ich musste warten, bis ich mein eigenes Geld verdiente, um in den Kartsport einzusteigen. Für meine Familie war das anders nicht tragbar», erklärt er. Gustavo mietet sein Material und spart sich die hohen Unterhaltskosten. Seine ersten Rennerfahrungen machte er in der IBK (Internationale Bodensee-Kartmeisterschaft), die in Süddeutschland, der Schweiz und in Österreich ausgetragen wird. «Das hat mir viel gebracht, aber man kann auch bei Videogames viel lernen, vor allem, was die Ideallinie angeht», sagt er. Richtig, denn die neuen Stars der Formel 1 wie Max Verstappen oder Esteban Ocon haben häufig mit der Playstation gespielt.

Nicht sein Stil

Bereits bei der ersten Ausscheidung in Fimmelsberg TG musste sich Gustavo anpassen: «Wir fuhren mit relativ langsamen Elektro-Karts auf einer engen Strecke. Das entsprach nicht meinem eher aggressiven Fahrstil. Man musste die Slides unbedingt vermeiden, sonst verlor man zu viel Zeit. Die Rundenzeiten lagen sehr eng beieinander.» Die für die nationale Qualifikation verwendete Piste von Wohlen AG lag dem jungen Piloten dann viel eher. Er war begeistert, zu den zehn Finalisten zu gehören, unter denen die drei für die nächste Runde in Anneau du Rhin (F) ausgewählt wurden. «Vorher hatte ich nur einmal auf der Rundstrecke fahren können, das war in Abu Dhabi im Rahmen des Formel-1-Grand Prix. Das war megacool!»

Harte Bremsen

Die ersten Runden im Seat-­Leon-Cupra-Serienwagen bereiteten dem 20-Jährigen keine Probleme, doch die Umgewöhnung an die TCR-Version war nicht ganz einfach. «Wir hatten nur eine halbe Stunde, aufgeteilt in zwei Blöcke von 15 Minuten. Man musste sich an die sehr harten Bremsen gewöhnen, die viel Druck verlangen.» Die Freude, letztlich zu den drei Finalisten zu gehören, ist riesig. Umso mehr, als dass Xavier vorher eher Pech hatte.  «Zuerst überfuhr ich am Freitag davor ein Tier, dem ich nicht ausweichen konnte und dann habe ich meinen Grossvater verloren, der in Brasilien gestorben war.» Die Familie des jungen Zürchers war wegen der Krankheit des Gross­vaters bereits in der Vorwoche Richtung Südamerika abgereist. «Ich war also besonders glücklich, die Herausforderung geschafft zu haben. Das Gefühl war ganz speziell.» Bald gilts ernst: «In der TCR Germany wird sehr hart gekämpft, da zählt jede  Zehntelsekunde. Ich freue mich sehr auf die Herausforderung.»


Oliver Holdener

Alter: 20

Wohnort: Bennau SZ

Beruf: Angestellter bei Wolf-Power Racing (Rennwagen­vorbereitung und -einsatz, auch in der TCR Germany)

Oliver Holdener hat den Weg in den Autorennsport früh eingeschlagen. «Ich bin seit dem Alter von zwei Jahren beim Karting dabei», erzählt er stolz. Bis 2009 sei er in der Schweizer Meisterschaft unterwegs gewesen. «Dann musste ich aus Geldmangel aufhören.» Sein bestes Resultat war ein fünfter Rang im SM-Gesamtklassement. Der Schwyzer verfolgt  seither immer den Traum, seine Motorsport-Karriere wieder aufzunehmen und sieht die  Young Driver Challenge als perfekte Chance. Nachdem er die erste Qualifikationshürde spielerisch genommen hatte, packten ihn in der zweiten Runde in Wohlen AG doch einige Zweifel. «Ich war nicht schnell genug», gibt er zu. «Ich war dort schon in der Schweizer Meisterschaft nie bei den Schnellsten. Ich weiss nicht warum, aber ich habe Mühe mit der Strecke.» Mit seinen Rundenzeiten sowie seinem Auftritt vor der Presse in seiner Muttersprache und in Englisch konnte sich Oliver aber dennoch durchsetzen und schaffte es unter die zehn Finalisten für Anneau du Rhin (F). Dank seinen Erfahrungen mit den bei Wolf-Power präparierten Boliden konnte er da dann entspannt an die «Tests» herangehen. «Ich konnte schon mit schnellen Autos fahren. Das stärkste war ein Ruf CTR mit 700 PS. Aber ich musste trotzdem lernen, richtig aus 230 km/h herunterzubremsen. Zum Auto meint Holdener: «Man spürt, dass der Leon ­Cupra ein sportliches Auto ist. Eines allerdings, das nicht für die Rennstrecke entwickelt wurde.» Von der Rennversion,  sprich dem viel radikaleren ­Leon TCR trennten die Stras­senversion Welten.

Schnell und viel gelernt

Die grössten Herausforderungen am Lenkrad eines solchen Renners seien das Bremsen und das Einlenken in die Kurven. Oliver bewältigte diese dank seiner Lernfähigkeit sehr gut. «Mit den wertvollen Anweisungen der Trainer lernten wir, schnell zu sein und dabei aber sauber und exakt zu fahren. «Der Unterschied zwischen guter Technik und zu aggressivem Fahren ist riesig.» Hinzu kam auch noch die Telemetrie: «Damit konnten wir jede unserer Bewegungen im Cockpit analysieren.»

Simulator zur Verfügung

Olivier hat sich für einen Start auf dem Sachsenring entschieden. Für seine Vorbereitungen kann er den Simulator von Wolf-Power nutzen. «Ich kann so viel trainieren, wie ich will! Aber ich weiss, dass es schwierig sein wird. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, der beste Rookie zu sein und ich werde alles daran setzen. Ich liebe das schnelle Fahren und ich habe an der Challenge mitgemacht, um zu sehen, wozu ich fähig bin.» Das wird er jetzt feststellen können. 


Orhan Vouilloz

Alter: 21

Wohnort: Chardonne VD

Beruf: Praktikum nach einer Verkäuferausbildung

Orhan Vouilloz verbrachte zuletzt sechs Monate in Irland, um Englisch zu lernen. Der Waadtländer zögerte nicht lange, sich gleichzeitig beim Young Driver Challenge einzuschreiben. «Meine Mutter hatte mir den Link geschickt», erinnert er sich. «Wenn sich so eine Gelegenheit ergibt, muss man einfach zugreifen.» Gesagt, getan.

Streckenrekorde gebrochen

Wie seine Deutschschweizer Kollegen, war auch Orhan bereits mit dem Rennsport vertraut; hatte doch auch er schon im Kartsport mitgemischt. «Ich war von klein auf ein Fan, obwohl meine Eltern keine besondere Beziehung zum Motorsport haben. Aber sie wollten, dass ich ein Hobby versuchen soll.  Darum bin ich mit meinem Vater zu einem Kartrennen gegangen, und ich war sofort begeistert.» In der Folge  brach der Romand aus dem Distrikt Riviera-Pays-d’Enhaut mehrere Streckenrekorde in seiner Altersklasse. Vorab  auf dem alten Kurs des Fun Planet in Villeneuve und in Payerne. Als nächstes machte der Westschweizer an der Indoor-Meisterschaft bei den Schweizer Junioren mit. 2008 wurde der Famille Vouilloz der finanzielle Aufwand dann doch zu viel. Die Eltern und Orhan wurden sich einig, das Karting aufzugeben. «Es war zu teuer. Nachdem wir Sponsoren gefunden hatten, versuchte ich es 2013 im Vega Trofeo Junior Elite noch einmal, und wollte sehen, wo ich stehe. Das war meine erste Erfahrung im Kart mit 125 cm³. Ich bekam schnell das Gefühl dafür und fuhr im vorderen Drittel des Feldes mit. Aber ich war gleichzeitig in der Lehre und musste das Fahren wieder aufgeben.»

Mit seinen Bestzeiten in Villeneuve und in Payerne verdiente sich Orhan im Rahmen der Young Drivers Challenge mühelos sein Billett für die nationalen Qualifikation in Wohlen. Auch diese war für ihn kein sonderlich grosses Problem.

Der totale Anfänger

In Anneau du Rhin war die Ausgangslage dann ein ganz andere. «Ich war ein totaler Anfänger, aber ich bin froh, dass ich mich dermassen schnell anpassen konnte.» Das Fahren mit einem geschlossenen Auto sei vor allem wegen des Gewichts nicht vergleichbar mit dem Karting. Doch die Trainer hätten ihn und seine Kollegen bestens beraten. Man müsse Geduld haben und vor allem nicht zu früh Gas geben. Und dann müsse man beim Umsteigen auf den TCR alles wieder neu lernen. Der Grip ist eindrücklich, und das Bremsen geht ohne ABS.»

Exakte Vorbereitung

Angesichts des TCR-Laufs in Deutschland will sich Orhan Schritt für Schritt darauf vorbereiten. «Vor dem Einsteigen war ich in der Challenge äus-serst nervös. Aber sobald ich hinter dem Lenkrad sass, war alles anders. Die Ängste verfliegen, man konzentriert sich auf die Strecke. Ich freue mich auf die Erfahrung, auch wenn es schwierig sein wird und ich lernen muss, die Ellenbogen auszufahren.»

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