«HEUTE GEBE ICH MEINEM VATER RECHT»

In der Motorrad-WM ist Thomas Lüthi (30) ein Titelkandidat. Aber der Emmentaler fährt nicht erst dieses Jahr stark.

THOMAS LUTHI - SWISS - CARXPERT INTERWETTEN - KALEX PODIUM

Mit Rang beim Grand Prix von Österreich bestätigte Thomas Lüthi seinen ersten Saisonsieg eine Woche zuvor in Brünn (CZ). Mit seiner bereits neunten Podestklassierung (nach 11 von 18 Rennen) in der laufenden Moto2-WM bleibt der Emmentaler mit 26 Punkten Rückstand auf Leader Franco Morbidelli Gesamtzweiter. Aber auch saisonübergreifend fährt Lüthi stark: Bei den letzten 18 GPs seit Sommer 2016 stand er 13-mal auf dem Podest.

«Autombil Revue»: Liest man in den vergangenen Wochen und Monaten Berichte über Thomas Lüthi, so heisst es öfter, das sei «der beste Lüthi» aller Zeiten. Kommen Sie auch ins Schwärmen?

Thomas Lüthi: Das wäre jetzt etwas gar arrogant (lacht). Tatsache ist aber, dass ich noch nie zuvor in meiner Karriere so fit war, so gut drauf war und dass ich noch nie so konstant gute Resultate geholt habe. Aber darauf will ich mich nicht ausruhen. Ich habe ja noch einiges vor, am Ziel bin ich noch lange nicht.

Auffallend in Ihrer Karriere war immer wieder, dass Sie jeweils zur Saisonhälfte den Anschluss an die Spitze verloren gehabt hatten und sozusagen in ein «Sommerloch» fielen. Dieses Jahr ist das nicht der Fall. Können Sie das erklären?

Im Vergleich zu früheren Moto2-Jahren bin ich, aber auch das Team, auf einem ganz anderen, höheren Niveau. Nach der Sommerpause war meine Ausgangslage in einer WM nie besser. Klar fehlen mir als Gesamtzweiter Punkte auf WM-Leader Franco Morbidelli. Aber selbst der Nuller nach dem Sturz auf dem Sachsenring vor der Sommerpause schreckte mich nicht. Ich holte zwar keine Punkte, aber das Coole war der Speed. Der war über das ganze Wochenende hoch, auf einem ganz starken Niveau. Ich habe da geführt, obwohl ich von Position sieben gestartet bin. Das gibt mir auch Vertrauen.

Der Sturz am Sachsenring macht also noch kein «Sommerloch»?

Natürlich war ich sauer und enttäuscht, dass mir da ein Fehler passiert ist, aber ich habe um den Sieg gekämpft. Da können solche Dinge eben passieren.

Trotzdem: Fast ausschliesslich ist in den vergangenen Jahren in der Moto2 immer ein Pilot herausgestochen, wurde zum Siegfahrer. Wie dieses Jahr der bereits siebenfache Saisonsieger Morbidelli.

Er ist stark, wirklich. Jeder in diesem Moto2-Feld ist darauf angewiesen, dass auch Morbidelli mal Fehler macht. Aber was er leistet … da habe ich schon Respekt vor! Ich meine, wir anderen, wir sind ja keine Nasenbohrer.

In der Vergangenheit hiess es auch, der Lüthi ziehe im entscheidenden Moment um den Sieg zurück, sei wieder «nur» Zweiter geworden. Der Biss fehlt Ihnen deswegen aber nicht?

Ganz bestimmt nicht. Wenn einer so was behaupten würde, dann fühlte ich mich angegriffen. Schauen wir mal zurück auf Mugello. Ich wurde da hinter Mattia Pasini Zweiter. Das war ein Top-Rennen von mir. Gewonnen hat er, weil er in der Arrabbiata-Kurve besser positioniert war. Ich konnte da, in dieser Situation, auch noch im Kampf mit Alex Marquez, nichts besser machen. Das war Kampf am Limit.

Das Alter bremst auch nicht? Sie werden ja im September 31 …

Nein. Wahrscheinlich führe ich gewisse Manöver, auch wegen meiner Erfahrung, überlegter aus. Aber das sehe ich nur positiv. Und der Körper … nein, ich bin fit wie nie zuvor!

Demnach geht es auch Ihrem rechten Arm nach einem unverschuldeten bei einem Testrennen in Valencia  vor dreieinhalb Jahren immer besser (komplizierte Brüche in Ellbogen und Schulter)?

Das wird immer besser. Jahr für Jahr wird mein Training daraufhin optimiert. Ich habe in der Vergangenheit das eine oder andere Mal zum Trainer und zum Physiotherapeuten gesagt: Das wird nicht besser. Aber sie haben an meine Geduld appelliert. Und es war so, es wurde besser. Auch auf die laufende Saison hin wurde das Training optimiert und damit auch mein Arm. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auch nächstes Jahr einen Schritt vorwärts machen werden.

Was tut Ihnen darüber hinaus noch gut?

Das Motocross-Fahren. Das macht nicht nur Spass, es ist auch Training für meine Schulter. Viele meiner besten Kumpels fahren auch Motocross.

Entscheidend zum Erfolg trägt aber sicher auch Cheftechniker Gilles Bigot bei, mit dem Sie seit letztem Jahr zusammenarbeiten?

Ja klar. Er ist Gold wert für mich. Nicht nur wegen seiner Kenntnisse, auch wegen seiner Art. Mein Vertrauen in ihn wächst stetig. Ich kann mich immer mehr auf meinen Job konzentrieren, das Rennen fahren und muss mich nicht um die Technik kümmern.

Kommt es vor, dass Sie beim Einstellen des Motorrades nicht mehr weiter wissen, Bigot aber eine Lösung weiss, weil er den Rennfahrer Lüthi immer besser kennt?

Das kommt vor, immer mehr. Bei den Testfahrten in Brünn während der Sommerpause war das der Fall. Ich drehte meine Runden, machte in der Box meine Aussagen, musste aber zugeben, dass ich nicht mehr recht wusste, wo wir den Hebel ansetzen sollten. Dann hatte Gilles plötzlich eine Idee – und schon arbeitete der Pneu meines Motorrades anders, besser.

Wir haben über Fitness gesprochen, über den Cheftechniker, über Ihr Alter. Macht das unter dem Strich den «besten Lüthi aller Zeiten» aus?

Nein. Mein Vater hat mir schon immer gesagt, auch schon während meiner Jugendzeit in der Pocketbike-Meisterschaft, dass 70 Prozent der Rennfahrerei im Kopf passiere. Heute gebe ich ihm Recht. Letztes Jahr hatte ich zur Sommerpause 75 Punkte Rückstand auf den späteren Moto2-Weltmeister Johann Zarco. Trotzdem konnte ich zum Saisonende hin nochmals um den Titel kämpfen. Damals passierte etwas in meinem Kopf. Das gab mir Schwung. Die körperliche Fitness trägt dazu bei. Denn ich sitze auf dem Töff und weiss, ich bin bereit, ich bin stark.

In der zweiten Saisonhälfte waren Sie in den vergangenen Jahren immer ausserordentlich stark. Unter anderem haben Sie in jener Zeitspanne sieben der insgesamt zehn Siege in der Moto2 geholt. Weshalb?, fragt man sich jetzt, wo die entscheidende Phase der WM ansteht.

Genau erklären kann ich das nicht. Vielleicht ist es, weil ich in der zweiten Saisonhälfte, bei den Rennen in Übersee, mehr Ruhe habe. Nicht wegen der Journalisten, die dort vergleichsweise weniger vertreten sind als in Europa (lacht). Ich meine, grundsätzlich habe ich – aber auch das Team – mehr Ruhe, weniger Verpflichtungen. Aber deswegen denke ich jetzt nicht, nach der erfolgreichen ersten Saisonhälfte, dass alles gut ist, dass nun «meine» Rennen kommen. Ich arbeite genauso hart weiter wie bisher.

Werner J. Haller

Teilen Sie uns in einem Kommentar Ihre Meinung zum Artikel mit!