MOTO2: HISTORISCH UND WERTVOLL

Der Schweizer Doppelsieg von Aegerter und Lüthi beim Motorrad-GP von San Marino ist nicht nur historisch, er ist für die Berner auch extrem wichtig.

Bilder für die Schweizer Motorsport-Geschichte: Die Doppelsieger Aegerter und Lüthi. © CarXpert Moto2 Racing

Viel Applaus für Dominique Aegerter und Thomas Lüthi gab es nach dem Moto2-WM-Lauf nicht nur von den Fans auf den Tribünen an der Rennstrecke von Misano (I). Auch im Pressesaal freuten sich die internationalen Medienvertreter über den Doppelerfolg der kleinen Schweiz, die sich politisch schon lange gegen den Motorsport wehrt, aber es immer wieder schafft, Vollgas-Helden auf zwei, drei oder vier Rädern hervorzubringen – auch nach Töff-Legende Luigi Taveri, der in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre und damit noch vor dem Rennstreckenverbot in der Schweiz auf dem Berner Bremgarten-Ring Grands Prix fuhr. Die Helden-Liste ist lang, das wissen Motorsport-Fans und -Experten auf der ganzen Welt: Siffert, Regazzoni, Surer, Dörflinger, Cornu, Kneubühler, Biland, Fässler, Jani, Buemi, um ein paar zu nennen … sowie eben Lüthi und Aegerter.

Letztmals standen 1983, beim Motorrad-GP von Grossbritannien in Silverstone, zwei Schweizer nach einem Rennen einer Soloklasse zusammen auf dem Podest. Aber Bruno «Kneubi» Kneubühler und Hans «Hirzel-Müller» Müller (beide ZH) wurden beim Lauf der 125er-Klasse «nur» Zweiter und Dritter hinter dem Anfang August verstorbenen 13-fachen Weltmeister Ángel Nieto aus Spanien. Aber einen Schweizer Doppelsieg in der mittleren Rennklasse wie am Sonntag mit Aegerter und Lüthi gab es seit Einführung der WM 1949 noch nie. «Ein sensationeller Erfolg für unsere kleine Schweiz!», schwärmte Aegerter, der nach einer über dreijährigen Durststrecke seit dem Premierensieg 2014 beim Deutschland-GP (und zwischenzeitlich nur einem Podestplatz; 3. Rang in Mugello 2015) endlich den zweiten Erfolg feierte. «Ein ganz grosser Tag für den Schweizer Motorsport», meinte auch Lüthi: «Domi und ich haben uns in der Vergangenheit das eine oder andere Mal vorgestellt, wie das wohl wäre, wir gemeinsam auf dem Podest …» Auf der Auslaufrunde hielt Lüthi beim feiernden Aegerter an und herzte ihn spontan und ehrlich. Später, bei der Pressekonferenz, scherzten und lachten sie unentwegt.

Dass es im Dauerregen von Misano so kommen würde, damit hatte in den Tagen zuvor allerdings niemand gerechnet. Die beiden bisher erfolgreichsten Schweizer Töff-Stars des neuen Jahrtausends haderten. Lüthi holte in der Qualifikation nur Rang 7: Zum vierten Mal bei den vergangenen fünf WM-Läufen startete der Emmentaler somit nicht aus den Top 5: «Ich bin wirklich enttäuscht. Jedes Mal, wenn ich Gas geben wollte, gab es Probleme am Vorderrad meiner Kalex. Drei-, viermal bin ich deswegen fast gestürzt.» Im Warm-up am Sonntagmorgen konnte der bald 31-jährige Routinier das nicht verhindern: «Deswegen fehlte mir die Zeit, um das Regen-Set-up meines Bikes zu testen.»

KTM oder weiter Suter

Aegerter dagegen wurde eher vom Kopf ausgebremst. Der Rohrbacher war in Misano für die kommende Saison immer noch vertragslos. Im Spätsommer ist der grosse Verhandlungspoker in der Regel vorbei, Gewinnertypen wie «Aegi» sitzen dann meist sicher im Sattel. «Deswegen kann ich nachts manchmal nicht einschlafen. Ich hoffe einfach, dass ich mich richtig entscheide», gestand der 26-jährige Berner noch diese Tage. Angebote hat er vorliegen, er spricht von vier. Sein Manager Robert Siegrist empfiehlt ihm die Rückkehr zum Schweizer Team von CarXpert, «weil die 2018 mit KTM fahren». Es ist aber jener Rennstall, bei welchem Aegerter vor rund einem Jahr durch Teamchef Fred Corminbœuf kurzum rausspediert wurde, nachdem er einen Vertrag beim Kiefer-Team unterzeichnet hatte. Die Deutschen hatten dem damals unglücklichen Kalex-Piloten Aegerter die Rückkehr auf eine Schweizer Suter-Maschine ermöglicht. Mit seinem «Suter-Baby» hatte der Rohrbacher 2014 den ersten GP-Sieg gefeiert. Bei den Kiefer-Brüdern Stefan und Jochen fühlt sich Aegerter gut aufgehoben und er dürfte weiter Suter fahren. Im Schweizer Team dagegen müsste er eben – wie seit dem Wochenende klar ist – auf KTM umsteigen. Die drei Plätze sind aber gemäss Corminbœuf mit dem Briten Sam Lowes, dem Spanier Iker Lecuona und dem Schweizer Jesko Raffin (in Misano als Zehnter erstmals seit Mitte Juli 2016 beim Deutschland-GP/Platz 8 wieder in den Top Ten und erstmals seit dem Argentinien-GP Anfang April/Platz 13 wieder in den WM-Punkterängen) besetzt. Sicher ist auch: Einige der Schweizer Sponsoren wollen nach dem Eklat vor einem Jahr lieber nicht mehr mit ­Aegerter zusammenspannen. Und Corminbœuf braucht sehr viel Geld, um das Loch zu stopfen, das Lüthi nach seinem Aufstieg 2018 in die MotoGP in die Teamkasse reisst. Der Ex-Weltmeister braucht in der Königsklasse beim Team Marc VdS keine Sponsoren-Millionen. «Aber sie dürfen mitgehen», sagt Lüthis Manager Daniel Epp.

«Fahre clever!»

Mit seinem jüngsten Sieg rührt Aegerter nun die Werbetrommel eigenhändig: «Die letzten Jahre waren schwierig. Dieser Erfolg tut mir unendlich gut. Diese 26 Runden im Regen von Misano waren unendlich lang! Aber trotz der Vergangenheit und den Umständen hier habe ich gezeigt, dass ich es doch noch kann.» Auch Lüthi steht nach seinem zweiten Platz beim sensationellen Schweizer Doppelsieg wieder besser da im Titelkampf der Moto2-Klasse. Er verkürzte in der WM-Gesamtwertung den Rückstand auf Leader Franco Morbidelli von 29 auf nur noch 9 Punkte. Der Italiener war auf dem rutschigen Parkett in der 4. Runde gestürzt. «Ich war die Tage zuvor, im Trockenen, immer sehr schnell. Im Regen machte ich aber einen Fehler», erklärte Morbidelli. Lüthi aber strahlte: «Ich habe ein paarmal versucht, Aegerter den Sieg streitig zu machen. Aber bei diesen Verhältnissen musste ich kühl und clever bleiben. Die Titeljagd hat Vorrang.» Lüthi hatte nach dem Start befürchtet, dass Morbidelli davoneilen würde. «Aber nach seinem Sturz musste ich nicht mehr auf Teufel komm raus angreifen. Ich konnte meine Taktik ändern», erklärte er, der 2018 in der MotoGP zusammen mit Morbidelli für Marc VdS fährt. Lüthis Cheftechniker Gilles Bigot, der weiter an der Seite des Bernes bleibt, mahnte seinen Schützling vor dem Start zum Regen-GP: «Fahre clever, heute ist ein grosser Tag für die Weltmeisterschaft.»

Die Titeljagd ist offen – und die traditionsreiche Schweizer Motorsportgeschichte ist um ein Kapitel reicher.

Werner J. Haller

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