KEIN LEHRJAHR FÜR LÜTHI

Manager Daniel Epp erklärt, wie er Thomas Lüthi in die Königsklasse der Motorrad-WM brachte.

Seit vielen Jahren ein Erfolgsduo: Manager Daniel Epp (r.) mit seinem Schützling Tom Lüthi, hier nach dem GP-Sieg 2014 in Valencia (E). © Interwetten Racing

Daniel Epp ist seit dem Debüt von Thomas Lüthi in der Motorrad-WM im Sommer 2002 an der Seite des Emmentalers. Früher als Förderer und Teamchef, heute als Manager. Der Aufstieg von Lüthi 2018 in die MotoGP ist auch Epps Verdienst.

«Automobil Revue»: Lüthi spricht im Zusammenhang mit dem Aufstieg in die MotoGP von einem wahr gewordenen Traum. Was bedeutet Ihnen dieser Aufstieg?

Daniel Epp: In die MotoGP wollten wir ja schon länger. Es gab auch Möglichkeiten, aber letztlich hat es nie richtig gepasst. Sei das nun vom Material, sprich Motorrad her oder von der Teamstruktur her. Dass es nun endlich geklappt hat, dazu war viel Arbeit und ein bisschen Glück notwendig. In die MotoGP zu kommen, ist nicht ganz einfach – aber oben zu bleiben, ist ein gutes Stück schwieriger.

Wie war das denn genau mit diesem MotoGP-Vertrag beim Team von Marc Vds? Anfang August hiess es noch, Lüthi fährt 2018 Moto2 im neuen und einzigen Kundenteam des Herstellers KTM und wird dann im Jahr darauf Werkspilot der Österreicher in der MotoGP.

Das lief wirklich ganz anders. Wir hatten schon beim Deutschland-GP einen Monat zuvor die Anfrage vom Team Marc VdS, weil dessen Fahrer Jack Miller ein Wackelkandidat war. Das war der Zeitpunkt unserer ersten konkreten Gespräche. Es war klar, dass noch Zeit vergehen wird, ehe ein Entscheid gefällt wird. Deshalb hat es mir als Manager gepasst, dass die Gerüchte rund um Lüthi in eine andere Richtung gingen. Ich wollte verhindern, dass der Aufstieg in die MotoGP zu früh an die Öffentlichkeit kommt.

Die Medien berichteten in den letzten Jahren oft, dass ein Aufstieg von Lüthi in die MotoGP kaum realisierbar ist, weil er als Schweizer Rennfahrer zu unbedeutend ist für die Töff-WM mit ihrer Politik und Wirtschaft. Was ist Ihre Erfahrung: Ist der Schweizer Pass ein Nachteil?

Er macht die Sache nicht einfacher – auch wenn der Schweizer Pass an und für sich eine tolle Sache ist (schmunzelt). Unser Markt ist zu klein für jemanden, der europäisch denkt, ausgerichtet ist. Das heisst: Ein Sponsor der MotoGP, der seine Geschäfte auf Europa ausrichtet, der wird mit einem Schweizer Fahrer vorab in dessen Heimat, eben der kleinen Schweiz, Aufsehen erregen. Ein Fahrer aus Spanien, Deutschland, Italien oder so, der repräsentiert einen Markt, der drei-, vier-, achtmal so gross ist wie jener der Schweiz.

2009 gab es einen Anlauf in die MotoGP. Sie selbst starteten ein MotoGP-Projekt. 2010 sass aber der Japaner Hiroshi Aoyama auf dem Motorrad, weil Lüthi damals in der 250er-Klasse stagnierte.

Lüthi sollte erst 2011 aufsteigen. Das hatten wir gemeinsam entschieden, also Tom selbst, die Leute von Honda und ich. Eben weil es Tom damals sportlich schlecht lief. Ich selbst habe das MotoGP-Team dann aber nach einem sehr schwierigen ersten Jahr, eben mit Aoyama, wieder aufgelöst.

Das war in der Tat eine schwierige Zeit, ich erinnere mich. War die Karriere von Lüthi in jener Zeit mal gefährdet?

Nein. So weit kam es nie. Aber es hat uns beide unheimlich genervt, dass wir diesen MotoGP-Aufstieg nicht hinbekommen haben. Wir haben später die Fehler erkannt, die wir gemacht hatten. Danach wurde die 250er-Klasse abgeschafft und 2010 die Moto2-WM eingeführt. Das veränderte viel.

Was unterscheidet den Lüthi von 2009 zu heute? Seit über einem Jahr fährt er konstant an der Spitze mit, holt regelmässig Podestklassierungen. Was ist im Sommer 2016 passiert?

Da müssen wir zwei, zweieinhalb Jahre zurück. Die Schwächen waren uns bekannt. Fehler kann man leicht erkennen. An ihnen arbeiten, sie ausmerzen, das ist hingegen leichter gesagt als getan. Lüthi ist das gelungen. In den Jahren um 2010 wurde ihm oft vorgeworfen, er starte schlecht, ein Drittel der Rennen verliere er beim Start oder in den ersten Runden. Heute ist der Start seine Stärke. Es hiess auch, Lüthi sei zu wenig aggressiv im Zweikampf. Stimmt auch nicht mehr. Er überholt konsequent und riskiert mehr. Aus diesen Gründen ist er heute ein konstanter Spitzenpilot.

 


«Die Realität ist:
In der MotoGP bleibt Lüthi nur die erste Saisonhälfte.»

Daniel Epp, Thomas Lüthis Manager


 

Ein Erfolgsfaktor von Lüthi ist auch sein Cheftechniker Gilles Bigot, mit dem er seit 2016 zusammenarbeitet. Wie wichtig war es für Lüthi, dass Bigot mit zum neuen Team in die MotoGP kommt?

Sehr, sehr wichtig! Tom hatte während seiner Moto2-Jahre seit 2010 immer Cheftechniker Alfred Willeke an seiner Seite. Wir merkten, dass es eine Veränderung brauchte. Bigot war lange unser Wunschkandidat, war aber besetzt. Mit Glück haben wir ihn dann zu uns geholt. Das war das Beste, was Lüthi passieren konnte.

Sprechen wir noch über das Team, für welches Lüthi 2018 in der MotoGP fährt. Marc VdS kennt man in der Moto2 seit jeher. In der MotoGP hingegen fährt das belgische Team erst seit 2015. Letztes Jahr war es in der Teamwertung Elfter und Letzter. Lüthi betonte aber zuvor stets, dass er nur in die MotoGP geht, wenn auch das Material und das Team stimmen. Warum also doch dieses Team?

Marc VdS ist ein solides Team, jung, aber stark. Man kann sich darauf verlassen, wenn etwas abgemacht wird. Das ist in der MotoGP nicht selbstverständlich. Das Team ist finanziell gut aufgestellt (Teambesitzer Marc van der Straten ist Brauerei-Milliardär; Anm. der Red.), weshalb wir keine Mitgift, sprich Sponsoren mitbringen mussten. Daran scheitern viele Karrieren. Ums Geld kommt man aber nicht herum, man muss darüber sprechen. Wenn ein Teamchef mir sagt, ich müsse für Tom eine Million Euro aufbringen, damit er im Sattel sitzt, und wenn dieses Geld dann nach nur einem Jahr verbraten ist, dann muss ich sagen: Danke für das Angebot, aber dieses Geld habe ich nicht, dieses Geld legt auch kein Sponsor auf den Tisch. Weiter spricht für das Team, dass es eine Strategie hat. Der Teambesitzer macht das nicht nur zum Spass. Der will was erreichen!

Was trauen Sie Lüthi in der MotoGP zu?

Es wird sicher schwierig, in die Top 6 mit den Werkteams reinzufahren. Das ist aber auch nicht das Ziel. In die Top 10 oder nahe daran, das traue ich ihm zu.

Lüthi hat einen Einjahresvertrag – mit Option auf eine zweite Saison. Wenn wir ehrlich sind: Lüthi muss die Strecken nicht kennenlernen, aber zumindest, wie er diese mit dem schwereren, stärkeren Töff fährt. Ein Lernjahr muss doch also sein?

Die Option auf eine zweite Saison hat das Team. Im Sommer 2018 wird das Team vor­aussichtlich darüber entscheiden. Also bleibt Lüthi nur die erste Saisonhälfte. Da muss es passen. Das ist die Realität.

Der Schweizer Pass könnte ein Vorteil sein, wenn Lüthi die MotoGP verlassen muss. Andere Fahrer verschwinden dann meist in der Anonymität einer Superbike-WM. Aber Lüthi könnte in die Moto2 zurück, wo er sicher wieder die Unterstützung seiner Schweizer Partner hätte.

Das ist denkbar. Als Manager sorge ich vor. Aber ich gehe zuerst einmal davon aus, dass Lüthi in der MotoGP bestehen wird.

Werner J. Haller

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