FRÜHSTART VON «E-PRIX ZÜRICH»

Viel zu früh haben die Organisatoren verkündet, dass Zürich schon 2018 Austragungsort eines Formel-E-WM-Laufs wird.

Nur allzu gern möchte Formel-E-Star Sébastien Buemi nächstes Jahr auch in Zürich jubeln. Allein, ob sich dieser Traum erfüllt, scheint doch fraglicher, als man zuletzt in der Tagespresse lesen konnte. ©zVg

Es wäre ja wirklich wunderbar, wenn in der Schweiz im Juni 2018 in Zürich ein Rundstreckenrennen vom Hafen Enge über den General Guisan-Platz-Quai sowie die Stocker-, Dreikönig-, Gotthard- und Alfred-Escher-Strasse stattfinden sollte. Der Automobil-Weltverband FIA himself hat Ende letzter Woche beschlossen, dass man einem Rennen in Zürich zustimmt und dieses schon am 10. Juni ausgetragen werden soll. Worauf der Verein «e-mobil Züri» und «OK E-Prix Zürich» um OK-Präsident und FDP-Gemeinderat Roger Tognella kommunizierte, dass die Ampel auf Grün steht und die nötigen Zusagen vorliegen. Von der FIA also, der Stadt und der Gemeinde Zürich. «Der Stadtrat hat ein Gesuch für einen E-Prix in Zürich bewilligt», hiess es. Nun, das war leider nur die Zweidrittelswahrheit. Kurz nachdem das Communiqué seitens des OK «draussen» war, insistierte die Stadt Zürich. Mathias Ninck, Sprecher des Zürcher Sicherheitsdepartementes, liess gegenüber dem «Tagesanzeiger» verlauten, dass noch nichts entschieden ist. «Die Stadt hat noch einige Auflagen, welche die Organisatoren erfüllen müssen, wenn ein Rennen stattfinden soll. Über das Gesuch wird in den nächsten Wochen befunden.» Grundsätzlich sei man dem Projekt gegenüber jedoch positiv gesinnt; zumal das Rennen von einem Event ums Thema E-Mobilität umrahmt werden soll. Freilich müssten für das Rennen Fussgängerinseln entfernt werden oder für mehrere 100 Meter Tramschienen Lösungen gefunden werden. Abgesehen davon, dass  Strassen gesperrt und ÖV-Linien umgeleitet werden müssten. Um Letzteres helvetisch-kompatibler zu machen, soll das Rennen in Zürich an einem Sonntag stattfinden, wenn die Geschäfte geschlossen sind und Einschränkungen des ÖV weniger ins Gewicht fallen.Üblicherweise finden die Formel-E-WM-Rennen an einem Samstag statt. Allein,  die Strecke müsste ja nichtsdestotrotz schon Tage vor dem Rennsonntag bereit gemacht und entsprechend abgeriegelt werden.

Nach dem «Eingriff» der Stadt änderten die Organisatoren die euphorische Erstversion ihrer Pressemitteilung. «Der Stadtrat hat das Gesuch im Grundsatz bewilligt und gibt damit grünes Licht für ein Rennen in Zürich», hiess es in Version 2.0.  Freilich impliziert auch diese Version noch mehr grünes Licht als tatsächlich leuchtet.

Schneller als der Schatten

Die Kommunikation war, seit das Projekt ePrix Zürich seit 2015 besteht, noch nie eine Stärke der verantwortlichen Personen/Gremien. Ganz im Gegenteil. Auch jetzt mutet das ganze Wirrwarr mehr wie ein ziemlich unbedachter, planloser «Fait accompli»-Versuch an denn ein wohl bedachter und durchdachter Schritt. Ein Fait accompli, um einerseits den Stadtrat in Schwung zu bringen und/oder andererseits allfälligen Einsprechern – seien dies Private, Verbände, Behörden, Vereine oder was auch immer – gleich im Ansatz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn: Mit Einsprachen ist hierzulande bei solchen Projekten immer und jederzeit zu rechnen. Die Schweiz ist ein Volk von «Hobby-Sheriffs», die sich berufen fühlen, ihre Volksrechte im Sinne der Gesellschaft gnadenlos einzusetzen. Und manche dieser Sheriffs «ziehen» schneller als ihr Schatten.Viele von ihnen befriedigen damit tendenziell zwar eher ihr möglicherweise an Selbstwert leidendes Ego denn dass sie damit effektiv im Sinn der Mehrheit, sprich zum Wohl der Allgemeinheit handeln. Ergo – auch wenn der Gesamtstadtrat in einigen Wochen, so lange wird es wohl dauern, bis alle Entscheidungsgrundlagen ausgearbeitet sind, Ja zu einem E-Prix Zürich sagt, ist noch nix sakrosankt unter Dach und Fach. Das ist erst dann der Fall, wenn auch keine Einsprachen folgen; selbst wenn sich Serien-Boss Alejandro Agag schon jetzt auf ein Rennen in Zürich «freut» und damit, wohl nicht ganz unwissentlich, die Überrumpelungstaktik von OK und FIA mit befeuern hilft. Letzteres durchaus im Sinn einer guten Tat.

Der «Swiss ePrix» wäre das erste Rundstreckenrennen in der Schweiz seit 1954. Seit sich damals, vor 63 Jahren, in Le Mans die Katastrophe mit 84 Toten ereignet hat und man darauf ein bis heute gültiges Rundstreckenrennverbot erliess. Ein einziger Witz, dass es die Schweiz bis heute nicht geschafft hat, diesen alten Zopf endlich zu kappen. Allein, der Bundesrat hat im Dezember 2015 für Rundstreckenrennen von Elektrorennwagen eine Ausnahmebewilligung erlassen. Ungeachtet dessen, dass diese Autos, wie alle anderen, sehr schnell und punkto Beschleunigung sogar noch schneller als fast alle anderen unterwegs sind. Doch letztlich spielt es ja keine Rolle wie, Hauptsache, das Rundstreckenrennverbot fällt endlich auch hier.

Jetzt ist der Moment

Wie der Weltverband FIA und der Verein «e-mobil Züri», sprich «E-Prix in Zürich», dazu gekommen sind, so zu kommunizieren, kann sich Mathias Ninck nicht erklären. Freilich, es gibt durchaus einen nachvollziehbaren Ansatz: den Zeitfaktor nämlich (s. Kommentar). Was die Kosten für ein Rennen in Zürich betrifft, so sind diese derzeit noch relativ locker zu stemmen. Die rund 15 Mio. Fr. wären das kleinste Pro­blem und würden mehr oder weniger gänzlich von privater Seite übernommen. Neben der Bank Julius Bär sind ja mit TAG Heuer oder dem liechtensteinischen Finanzunternehmen LGT derzeit auch noch weitere Seriensponsoren mit vitalem Interesse an einem «ePrix Zürich» engagiert. Die öffentliche Hand würde demnach nicht belastet.

Allein, wenn am 10. Juni 2018 in Zürich tatsächlich ein Autorennen, sprich ein ePrix, stattfindet und Vizeweltmeister Sébastien Buemi und Neuling Neel Jani vor heimischem Anhang ihre Runden drehen können, dann wäre das wirklich eine elek­trisierende Nummer für ein Land wie die Schweiz.


Kommentar

DIE ZEIT DRÄNGT

Der «Frühstart» der Organisatoren eines ePrix Zürich ist nachvollziehbar. Bei uns mahlen die politischen und behördlichen Mühlen vis-à-vis vieler anderer oft sehr langsam. Die Formel E dagegen gibt Vollgas, boomt und ist die Zukunft des Rennsports – keine Frage. Nicht heute, nicht morgen, aber zweifellos übermorgen. Fast alle namhaften Hersteller drängen inzwischen in die Serie und wollen dabei sein. Ebenso sind immer mehr Städte äusserst interessiert, Teil dieser «High­tech-E-Mobilitätsshow» respektive «rennsportmobilen Next-Generation-Gala» zu werden, die mitten in den Metropolen stattfindet. Einer Gala, bei der die Autos zu den Menschen kommen und nicht umgekehrt und die so zum Türöffner für alle Hersteller wird, um ihre E-Autos anzupreisen. Eine Herrlichkeit, die immer mehr glänzt. Zusehends werden auch attraktive Rahmenserien die Formel E beleben und bereichern. Roborace, Elektro-Tourenwagen, Drohnen … sind hierzu nur einige Stichworte. Dies wiederum wird das Ganze künftig für Fans und Unternehmen noch spannender machen. Ergo ist genau jetzt der Moment, um noch auf den Zug aufzuspringen. Genau jetzt geht das nämlich noch relativ einfach und kostengünstig; zumal mit der Bank Bär der Globalsponsor der ersten Stunde seinen Hauptsitz in Zürich hat und dieser nur allzu gern den Tag eines Heimrennens noch erleben würde. Völlig logisch, dass die Serie künftig in jeder Beziehung immer attraktiver wird und so ein Kosten anheizender Wettbewerb einsetzen wird. Bleibt in dem Sinn zu hoffen, dass der Frühstart der Offiziellen aus Zürich nicht zum Bumerang von Politik und Souverän wird.

Michael Schenk

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