BUCHVORSTELLUNG. «DIE FRAU AM STEUER IST EIN BESONDERS ANZIEHENDES KAPITAL»

Das Buch von Susanne Gretter verspricht ­rasante Geschichten von der Frau am Steuer.

Sie sind etwas Besonderes, die Frauen am Steuer eines Automobils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In 15 Porträts beschreibt die Autorin Susanne Gretter in ihrem Buch, was es bedeutete, als Frau in einer vorwiegenden Männerdomäne unterwegs zu sein. Es waren durchwegs starke Charakteren, diese Frauen, die als Abenteurerinnen weder Wind noch Wetter, als Rennfahrerinnen den Tod oder als Künstlerinnen und Damen der Gesellschaft das Exponiertsein nicht gescheut haben. Allen gemein, und darauf liegt auch der Fokus der Autorin, war ein unbändiges Verlangen nach Eigenständigkeit und Freiheit von den Zwängen ihrer jeweiligen Zeit. Zwänge gab es viele, und nicht allen der 15 Autofahrerinnen gelang es dauerhaft, sich in ihrer Unabhängigkeit  zu  behaupten.

 

 

Mutiger als ihr Mann

Bertha Benz‘ erste Fernfahrt von Mannheim zu ihrer Schwester nach Pforzheim (D) 1888 erfolgte in einem Akt des Ungehorsams. Sie hatte ohne die Erlaubnis ihres Mannes Carl Benz zusammen mit ihren zwei Söhnen den Motorwagen frühmorgens aus der Remise geschoben und sich heimlich aus dem Staub gemacht. Dabei ging es ihr weniger um ein persönliches Statement, als vielmehr um das wirtschaftliche Überleben der Familie. Der belächelte «Hexenkarren» sollte durch die Fahrt den Beweis seiner Tauglichkeit erbringen und dafür sorgen, dass endlich eine Nachfrage dafür entsteht. Bertha hatte Erfolg, man wurde auf die Erfindung aufmerksam, und ihre Tat brachte endlich Bewegung in das neue Geschäft mit dem Motorwagen. Zudem umging sie elegant das Verbot, mit dem Auto das behördlich angeordnete Rayon um Mannheim zu verlassen. Auch eine Fahrerlaubnis besass sie keine.

Bertha Benz an der Seite ihres Mannes im Jahr 1893.

Symbol einer neuen Zeit

Hellé Nice trat mit ihren motorsportlichen Ambitionen mitten in die Männerdomäne hinein. Sie war nicht nur als Sportlerin erfolgreich, sondern auch eine Persönlichkeit von besonderer Strahlkraft. Dabei startete sie aus einer unterprivilegierten Ausgangsposition. Nice, eigentlich Hélène Delangle, stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihre zielstrebig vorangetriebene Karriere als Tänzerin in Paris brachte sie in Kontakt mit einer lebensfreudigen, der Moderne zugewandten (und vermögenden) Gesellschaft. Nice lernte das Autofahren, kurz darauf das Rennfahren und sie schaffte es bis zur Werksfahrerin bei Bugatti. Zu ihren sportlichen Erfolgen gehörte ein Auftritt, der stets elegant und durchaus weiblich war. Sie verkörperte in besonderer Weise die unabhängige und selbstbewusste Frau, die sich die Defizite der Männerwelt zunutze machte, um ihren eigenen Weg zu gehen. Allerdings musste sie sehr schmerzhaft erfahren, dass dies sehr risikoreich sein konnte. Louis Chiron, zuerst Teammitglied bei Bugatti, später, als Nice auf Alfa Romeo startete, Konkurrent, schaltete die unlieb­same Rennfahrerin durch eine einfache Behauptung für immer aus: Er bezichtigte sie 1949 der Kollaboration mit den Deutschen zur Zeit der Besetzung Frankreichs. Nice war am Ende. Sie starb 1984 völlig verarmt.

Hellé Nice – Tänzerin und Rennfahrerin mit Stil.

Rastlos

Zu den Porträtierten des Buches gehören auch Künstlerinnen und Schriftstellerinnen wie die französische Bestsellerautorin Françoise Sagan («Bonjour Tristesse») oder die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach, Tochter einer der reichsten Familien der Schweiz und Symbol einer von äusseren Zwängen beherrschten, nach Freiheit strebenden Frau. Die Autorin Susanne Gretter geht dabei besonders auf die Reise nach Persien ein, welche Schwarzenbach 1939 mit ihrer Partnerin Ella Maillart auf der Suche nach sich selbst und um ihre Morphiumsucht in der Griff zu kriegen, unternommen hatte.

Françoise Sagan erlaubte es ihr früher Erfolg, «Bonjour Tristesse» hatte sie mit 18 Jahren geschrieben, sich unabhängig zu machen. Dazu gehörte auch eine Reihe von Sportwagen, für die Sagan eine besondere Vorliebe hatte. Für die Wahrnehmung von Sagan als Enfant terrible – Audrey Hepurn hatte es 1958 aus moralischen Gründen abgelehnt, für die Verfilmung von «Bonjour Tristesse» die Rolle der Cécile zu übernehmen – kam ihren Autos eine besondere Rolle zu. Sie liess sich denn auch von Starfotografen darin ablichten und posierte selbst vor ihrem zu Schrott gefahrenen Aston Martin. Den Unfall hatte Françoise Sagan nur knapp überlebt.

Françoise Sagan: erster Jaguar mit 18 Jahren.

Besonders besonders

Die 15 Frauen im Buch nutzten das Auto in vielfältigster Weise, um ihren Persönlichkeiten zusätzlichen Ausdruck zu verleihen. Sie machten sich aber nicht durch das Auto selbst zu etwas Besonderem, sie waren ­dies ohnehin. Das Werk ist somit weniger ein Rückblick auf eine Zeit, als die autofahrende Frau noch eine kleine Minderheit war, als vielmehr auf eine Zeit, als es generell ungewöhnlich war, dass Frauen sich ihr Leben selbst gestalten und abseits von gesellschaftlichen Normen einen hohen Grad an Unabhängigkeit erreichten. Zuweilen erscheint einem beim Lesen diese Welt sehr fern, andererseits ist es noch nicht so lange her. Und noch immer entdecken Frauen in Ländern dieser Welt für sich eine neue Freiheit, wenn sie die dominierenden Männer endlich ans Steuer lassen …

 


 

MUTIG, MONDÄN, MOTORISIERT

Verlag Elisabeth Sandmann, Autor: Susanne Gretter,

144 Seiten, 40 Abbildungen in Farbe, erschienen: 9. 10. 2017, ISBN: 978-3-945543-37-5, erhältlich im Buchhandel, Preis: ab ca. 35 Franken

 

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