IM KREISVERKEHR DURCH DIE VERKEHRSGESCHICHTE

Ohne Auto gäbe es ihn gar nicht, den Kreisel. Seinen Ursprung hat er in Frankreich.

Noch dominieren die Fuhrwerke. Dennoch, der Autoverkehr sorgte 1907 zur Ausgestaltung der Place de l'Etoile in Paris als «Rond Point». Ziel war es, den Verkehrsfluss zu optimieren. Allerdings ist der berühmteste Kreisel der Welt bis heute kein Kreisverkehr im eigentlichen Sinne, denn hier herrscht Rechtsvortritt mit Lichtsignalregelung für die Einfallstrassen.

Paris ist die Kinderstube des Autos. Kurz nach seiner Erfindung in Deutschland fand es in Frankreich fruchtbaren Boden, sich zu entwickeln, oder präziser: in der Hauptstadt Paris. 1900 war De Dion-Bouton mit 400 Autos der grösste Autobauer der Welt – und Frankreich konnte die grösste Autoindustrie ihr Eigen nennen. Schon damals begann man, sich in der Seine-Stadt Gedanken zu einem besseren Verkehrsfluss zu machen. Eugene Henard formulierte in seinen «Etudes sur les transformations de Paris» seine Idee für eine Kreuzung mit kontinuierlichem Verkehrsfluss rund um einen zentralen Platz herum. Bereits damals wurden für die Fussgänger Unterführungen angedacht. Ab 1907 fuhren die Autos und die Fuhrwerke auf diese Weise um einen der berühmtesten Kreisel überhaupt: die Place de l’Etoile, heute Charles de Gaulle, herum. Allerdings, dieser «Kreisel» ist eigentlich gar keiner, dazu aber später.

Die Amerikaner setzten heute lieber auf Verkehrsampeln statt auf Kreisel: Eine Kreuzung im Chaos in New York um 1949. © zVg.

«Yield!»

«Gib Vortritt!» Das Schild war der Schlüssel zum modernen Kreisel. Es stand erstmals an einem «Roundabout» im Vereinigten Königreich. Hier tauchte die kleine Ringstrasse anstelle einer Strassenkreuzung 1909 in der englischen Stadt Letchworth Garden City auf. Wie ihr Name verrät, ist diese Ortschaft auf dem Zeichenpapier entstanden, als parkähnliche Siedlung mit langen Alleen und Strassen, die erste Gartenstadt der Welt von 1905. Gemäss der damaligen Regel der «nearside priority», also Vortritt für den, dessen Lenkrad näher zur anvisierten Richtung lag – in Grossbritannien der von links Kommende, weil rechts Sitzende –, hatten die Zufahrtsstrassen Vortritt. Im Linksverkehr fährt man bekanntlich im  Uhrzeigersinn um den Kreisel. Mit zunehmendem Verkehr in den 1950er-Jahren führte dies zu einem Problem: Der Verkehr im Kreisel hatte bei jeder Einfahrt zu stoppen, der Rückstau entstand so im Kreisel selbst und dies bis zu dessen völliger Blockade. Die Lösung ergab sich mit der Umkehr der Vortrittsverhältnisse. Der Verkehr im Kreisel sollte Vortritt erhalten – demnach derjenige von rechts. Die Lösung waren Schilder mit der Aufschrift «Yield-at-Entry». 1966 wurde die Aufhebung des Linksvortritts im britischen Kreisverkehr Gesetz, der moderne Kreisel war geboren. Heute gibt es überhaupt keine nicht indizierte Vortrittsregelung mehr auf britischen Strassen, der Kreisel oder aber der beschilderte Vortritt respektive «kein Vortritt» ist durchgängig in Kraft.

Und die USA?

Typisch, die Amerikaner versuchten es ab den 1920er-Jahren mit schierer Grösse. Die «Circular Intersection» oder «Rotary»,  basierte auf dem Prinzip der tangentialen Einfahrt. Diese hatte lange Sperrstreifen zwischen den Spuren des Kreisels und der sich daran anlehnenden Einfallspur zur Folge. Das benötigte viel Platz, die üblichen Durchmesser lagen bei bis zu 140 Metern. Ziel war es, den Verkehr der mehrspurigen Strassen so wenig wie möglich herunterzubremsen. Auch dieser Kreisel basierte auf dem Rechtsvortritt, das Resultat war dasselbe wie im Vereinigten Königreich: die totale Blockade bei hohem Verkehrsaufkommen und – zu allem Übel weil auf höheren Tempi basierend – mehr Unfälle. Der Krieg setzte den Rotarys ein Ende. Die eindrücklichen deutschen Autobahnen mit ihren Kleeblattkreuzungen fanden jenseits des Atlantiks mehr Gefallen, ansonsten setzte die grösste Autonation der Welt konsequent auf Verkehrsampeln. Kreisel sind in den USA heute eine absolute Seltenheit.

Erster Kreisel in der Gartenstadt Letchworth, nördlich von London (GB), aus dem Jahre 1909. Im Jahre 1966 geben die Briten erstmals dem Verkehr im «Roundabout» den Vortritt, es ist die Geburt des modernen Kreisverkehrs. © zVg.

Zaghafte Schweizer

Kreisverkehr gab es hierzulande bereits in den 1930er-Jahren, etwa um den Luzerner Bundesplatz, ebenfalls mit Rechtsvortritt. Erste Versuche mit links-vor-rechts starteten in Wettingen 1985, kurze Zeit später in Fribourg, wo ihn eine Beschwerde einiger Anwohner zunächst wieder zum Verschwinden bringen sollte. Seit 1. Mai 1989 ist das Schild «Kreisverkehr» offiziell definiert (Signal 2.41.1). Seit 1. April 1994 gilt die im Art. 41b VRV beschriebene Handhabe und das Verhalten im Kreisverkehr. Seither hat der Kreisel seinen Siegeszug durch die Schweiz angetreten.

Doch nochmals zurück zum berühmtesten Kreisel der Welt, zur Place Charles de Gaulle: Zwar ist dieser wichtige Knotenpunkt seit Langem durch Ampeln geregelt, doch gilt dies nur für dessen Einfallsachsen, im Kreis gilt Rechtsvortritt. Entsprechend der Ampeltaktung wird rundum eine wilde Meute von Fahrzeugen aller Art auf die Kreisfahrenden losgelassen. Das Ganze ist natürlich begleitet von einem Hupkonzert und der hohen Wahrscheinlichkeit für die Zuschauer, bei einer Kaltverformung von Karosserieblech live dabei zu sein. So gesehen ist der erste Kreisel der Autogeschichte bis heute auch der spektakulärste.

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